10. Juni 2016 · Allgemein · Storytelling ·

Die Nomadin

Diesen Sommer bringt die Manifesta 11 Künstler aus ganz Europa nach Zürich.
 Ein Treffen mit Hedwig Fijen, der Direktorin der Biennale, für die aktuelle Ausgabe des Giardino Magazins.

Text: Tomas Niederberghaus, Fotos: Cyrus Saedi

Sie hat die Neugier einer Alice im Wunderland, das Visionäre einer Jeanne d’Arc und den Terminkalender einer Angela Merkel. Sie pendelt zwischen ihrer Heimat Amsterdam und den Städten Zürich, St. Petersburg und Palermo – den Orten der diesjährigen, der vergangenen und der künftigen Manifesta. Vor über
20 Jahren hat Hedwig Fijen die bedeutende Kunstbiennale gegründet. Wer die umtriebige Holländerin in Zürich treffen möchte, muss sich auf ein exaktes Zeitfenster einstellen: 14.45 Uhr bis 16.20 Uhr – so lautet die Vorgabe aus ihrem Büro. Auf die Minute pünktlich betritt sie an diesem Freitag das Hotel. Sie trägt Schwarz, hat blondes Haar, aus dem man einen Zopf so dick wie ein Schiffstau flechten könnte, und ihre blauen Augen sehen ein wenig müde aus. Dennoch beantwortet sie jede Frage präzise und temperamentvoll. Alle zwei Jahre wechselt die Kunstbiennale in eine andere Stadt – im Sommer richtet sie ihren Fokus für 100 Tage auf Zürich. Hedwig Fijen und ihr Team organisieren, bringen Menschen zusammen und wählen (gemeinsam mit Verantwortlichen der jeweiligen Stadt) den Kurator aus.

Für Zürich haben sie den deutschen Künstler Christian Jankowski auserkoren. Er stellt die Manifesta unter das Motto «What People Do for Money». Jankowski verbindet 25 Künstler mit 25 Zürcher Berufstätigen. Aus deren Begegnungen sollen sich Kunstwerke entwickeln. Der norwegische Fotograf Torbjørn Rødland veranstaltet eine Fotosession mit einer «Promi-Zahnärztin». Der Berliner Marco Schmitt macht ein Praktikum bei der Polizei, und die ungarische Künstlerin Andrea Éva Györi erforscht mit einer Sexologin den perfekten weiblichen Orgasmus. «Wir möchten erreichen», sagt Hedwig Fijen, «dass sich die Leute Fragen stellen: Was mache ich für Geld? Was habe ich vom Leben? Verdiene ich genug, um hier zu überleben?» Die Kunstprojekte sollen auch ganz normale Zürcher zu solchen Fragen animieren. Verschiedene Plätze der Stadt werden vom 11. Juni bis 18. September 2016 mit Performances, Videoinstallationen oder Ausstellungen bespielt. Zentraler Ort ist der «Pavilion of Reflections». Er wird auf dem Zürichsee errichtet – mit Zugang über einen Ponton. Entworfen haben ihn Architekturstudenten der ETH Zürich unter der Leitung des Studios Tom Emerson.

«Meine Mutter war ein Hippiegirl.»

Hedwig Fijen kam früh zur Kunst. Ihr Großvater war Architekt, hat in Amsterdam «379 Häuser gebaut», ihre Mutter unterrichtete Kunst in der Schule, die Familie wohnte gegenüber dem Amsterdamer Rijksmuseum. Studiert hat sie Geschichte und Kunstgeschichte. 1993 gründete sie die Biennale, um mit Mitteln der Kunst den psychologischen und geografischen Raum Europa zu erforschen. Was ihre persönliche Motivation war? Hedwig Fijen sagt: «Die ist in meiner Biografie begründet. Meine Familie kommt ursprünglich aus Frankreich, ging nach Deutschland und emigrierte vor dem Zweiten Weltkrieg nach Holland. Ich bin zum Teil jüdisch. Die Familie meiner Mutter wurde umgebracht. Wer überlebte, ging nach Mexiko oder in die
USA und kehrte nach dem Krieg nach Europa zurück.» Hedwig Fijen versteht sich als Nomadin. Ihre Neugier zeigte sich mit 17, als sie ihre Mutter mit der Frage löcherte, warum halb Europa kommunistisch sei, und was das bedeute. Die Mutter («Sie war ein Hippiegirl») buchte prompt Flugtickets in die Sowjetunion: Die Feldforschung begann.

Sie hat viel über Zürich gelesen – wie perfekt und teuer die Stadt ist, wie glatt und wie langweilig. Das hat sie auch gereizt, mit der Manifesta nach Zürich zu kommen. Längst hat sie hinter die perfekte Fassade geschaut und eine andere Welt entdeckt: bunt und vielfältig, kreativ und polyglott. Wie schafft sie es, nach über 20 Jahren Manifesta nicht in Routine zu verfallen? «Wir sind doch jedes Mal in einer anderen Stadt! Und jedes Mal fragen wir uns: Was bedeutet sie für Europa? Was bedeutet sie sich selbst? Was ist ihre Geschichte?», sagt sie und springt auf, um einen kurzen Spaziergang zu machen – zur Spiegelgasse auf der Rathausseite der Stadt, inzwischen ihr Lieblingsort. Hier scheinen sich die Giebel der gegenüberliegenden Häuser fast zu berühren. Ganz unten, in der Nummer 1, liegt das Cabaret Voltaire, das in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Dada feiert und in das Projekt Manifesta integriert wird. Das Cabaret Voltaire ist ein Symbol
der Freiheit, sagt Hedwig Fijen. Viele Europäer kamen hierher, flüchteten hierher, «Freaks, Intellektuelle, die Avantgarde». Vor der Nummer 14, dem Lenin-Haus, in dem der russische Revolutionär über ein Jahr gelebt hat, erinnert sie sich an die Manifesta 10, die 2014 in St. Petersburg stattfand. «Russland hatte gerade schwulenfeindliche Gesetze erlassen, was wir auch direkt thematisiert haben.» Dafür wurde sie persönlich bedroht. Die größte Tageszeitung legte ihr nahe, das Land schleunigst zu verlassen. «Wir wurden nicht weltbekannt für das, was wir gemacht haben, sondern weil wir es überlebt haben», sagt sie. Erfolgreich war es dennoch: 1,5 Millionen Besucher kamen. So viele wünscht sie auch der Manifesta 11 in Zürich. Und dann wird sie sich aufs Fahrrad setzen und schauen, was die Kunst mit Zürich macht – und Zürich mit der Kunst.

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