30. Juni 2016 · Allgemein · Storytelling ·

Cicerone in Pink

Er gründet das Giardino Ascona vor 30 Jahren und bespielt das Hotel wie ein Zeremonienmeister. Ein Portrait über Hans C. Leu, den vielleicht originellsten Hotelier seiner Zeit.

Text: Tomas Niederberghaus, Fotos: Cyrus Saedi

Einmal setzte er sich auf seine rosarote Harley und fuhr zum Bahnhof Locarno, um einen weiteren Gast abzuholen – eine Lehrerin, über 80, wie er sagt. Er sei behutsam gefahren, und an der ersten Ampel habe sie ihn gefragt: «Herr Leu, war das schon alles?» Von wegen: Hans C. Leu gab Gas und legte sich ein bisschen in die Kurven – kleiner Nervenkitzel, schon klar. Als sie beim Hotel ankamen und die Dame von der Maschine abstieg, sagte sie: «Herr Leu, das war aber erotisch!»

Wo gab es das sonst: Einen Hoteldirektor, der Gäste mit dem Motorrad abholte, den ganzen Fuhrpark des Hotels rosa spritzen ließ und die Mitarbeiter in der gleichen Farbe einkleidete. Selbst die Telefone waren rosa. Er sagt: «Pink war meine Seelenfarbe.» Bei den Chinesen steht die Farbe für Gastfreundschaft, und dafür stand der erfolgreiche Hotelier während seiner ganzen Karriere. Vor 30 Jahren gründete Hans C. Leu das Giardino Ascona. Seine unkonventionelle Art machte ihn weit über die Landesgrenze hinaus bekannt. Dazu gehörte auch, was man heute unter dem Wort Inszenierung versteht: Hans C.

Leu war sozusagen der Urvater der Inszenierung. Auf dem Gartenteich des Giardino ließ er regelmäßig eine Bühne aufbauen; dann tanzte schon einmal das Bolschoitheater – oder er selbst spielte den Großwesir, kleidete sich und seine Mitarbeiter orientalisch ein und erzählte beim Dinner Geschichten aus «1001 Nacht» – vor ihm ein Pult, im Auge klemmte ein Monokel. Ein anderes Mal ließ er den Leiter des Basler Kinderzirkus kommen, damit dieser den Hotelangestellten ein paar Kunststücke beibrachte: Entertainment für die Gäste. Im Hotel wurde er Cicerone genannt.

Bewusst unkonventionell: Rosa als Statement.

Bewusst unkonventionell: Rosa als Statement.

«Direktor ist fast so gut wie Doktor»

Es ist ein schöner Frühsommertag. Wir sitzen im Garten des Giardino Ascona, die Vögel scheinen Symphonien zu zwitschern. Hans C. Leu trägt ein Hemd mit blauen Punkten, einen Sonnenhut und ein herrlich verschmitztes Lächeln im Gesicht. Der heute 86-Jährige schleudert die Geschichten so schnell heraus, dass man mit den Notizen kaum nachkommt. Wie er zur Hotellerie kam? «Ich war nach der Schule orientierungslos», sagt er. «Irgendwann kam meine Mutter mit dieser Idee und meinte: ‹Direktor ist fast so gut wie Doktor.›» Nach der Hotelfachschule in Lausanne zog es ihn gleich in die 5-Sterne-Welt. «Ich hatte das Ziel, in meinem Bereich der Beste zu sein.» Viele Jahre war er im Arosa Kulm. Irgendwann wollte er in die Toskana, was nicht klappte. Als man ihn jedoch für die Begleitung des Neubaus und die anschließende Eröffnung des Giardino Ascona anfragte, sagte er gleich zu. «Ascona klingt doch wie Toskana», dachte er und ließ alles im toskanischen Stil bauen: rosa Villen in einem Garten mit Zitronenbäumen und Zypressen. 23’000 Pflanzen wurden im 10’000 Quadratmeter großen Areal des Giardino gepflanzt. Nicht zu vergessen «diese Terrakottadinger aus der Toskana» – er zeigt auf die Bodenfliesen am Außenpool. Hinter ihm in der Ferne ist ein Berg zu sehen. Dorthin hat er manchmal Gäste mitgenommen, frühmorgens um vier. «Der Sonnenaufgang war phänomenal. Ich habe ihnen dazu Geschichten über das Tessin erzählt – Dinge, die sie anderswo nicht erfuhren.»

«Ascona klingt doch wie Toskana.»

Hans C. Leu ist, wie er sagt, «kein Intellektueller, sondern ein luftiger Mensch». Einer, der über hohe soziale Intelligenz verfügt. Gäste persönlich zu betreuen und den Mitarbeitern Verantwortung und Kompetenzen einzuräumen – darauf basiert sein Erfolg, seine Beliebtheit bei den Gästen, die immer wieder kamen, und bei seinen Angestellten. Damit hat er etwas gepflanzt, was im Giardino Ascona noch immer gepflegt wird.

Philippe und Daniela Frutiger sowie der jetzige General Manager Wolfram Merkert sind seine Zöglinge. In der Ära Hans C. Leu war Philippe Food-and-Beverage-Manager, und Daniela leitete das Spa. Dann verließen sie Ascona. Zusammen bauten sie den Lenkerhof zu einem erfolgreichen und vielfach ausgezeichneten Schweizer Hotel auf. Als General Manager kehrte das Paar ein paar Jahre später ins Giardino zurück, und mit ihnen kamen noch mehr Gäste als jemals zuvor. Inzwischen sind Daniela und Philippe Frutiger die CEOs der Giardino Group – und Wolfram Merkert leitet bereits seit mehreren Jahren das Hotel. Das Mutterhaus in Ascona haben sie vor einigen Jahren renoviert und in eine neue Zeit geführt. «Aus dem Landhaus ist ein Lifestyle-Hotel geworden, elegant und leger zugleich», sagt Hans C. Leu. Dass sein toskanischer Garten noch immer grünt und blüht wie früher, freut ihn. Und da stehen auch noch die römischen Skulpturen – Frauen, mit denen er eine eigene Geschichte hat: Er hat die Duplikate im Pariser Louvre gekauft und mit dem Wagen höchstselbst nach Ascona gebracht. Die Grenze war nicht so einfach zu überqueren. «Sie können sich nicht vorstellen», sagt er, «wie die Zollbeamten geguckt haben, als ich mit den nackten Weibern im Wagen vor ihnen stand.» Im Sommer tritt Hans C. Leu noch einmal auf die Bühne. Vom 1. bis 4. Juli 2016 wird er drei Tage lang als Zeremonienmeister im Giardino Ascona tätig sein.

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1986: Hans C. Leu prostet auf rosige Zeiten

Flashback ’86

Es ist das Jahr der Ereignisse: 1986! Unvergesslich! Hans C. Leu eröffnet das Giardino Ascona und sorgt mit einem neuen Konzept in der Hotellerie für Furore. Er macht das Hotel zur Bühne und den Gast zum Protagonisten. Auch anderswo geht man neue Wege: Der Modemacher Jean Paul Gaultier steckt den Mann in einen Rock, und die Werbung zieht ihn aus, zeigt ihn erstmals nackt. Lady Gaga wird geboren, und auch der jamaikanische Sprinter Usain Bolt sowie die US-Schauspielerin Megan Fox erblicken das Licht der Welt. 1986 ist das «Internationale Jahr des Friedens», und Sandra Kim gewinnt für Belgien den Eurovision Song Contest mit dem Titel «J’aime la vie». Das ist auch das Motto von Hans C. Leu, der zum 30-Jahr-Jubiläum des Giardino noch einmal zurückkehrt und das Zepter im Hotel für drei Tage in die Hand nimmt.

 

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